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Die Kräuter- oder Pflanzenheilkunde ist so alt wie die Menschheit selbst und der ursprünglichste Ansatz der Heilung.

Die Heilkraft der Natur, die sich in Form der vielfältigen Heilpflanzen Mensch und Tier zur Verfügung stellt, hat sich seit Jahrtausenden bewährt. Die Phytotherapie, wie sie auch genannt wird, ist die Behandlung von Krankheiten und Beschwerden durch Pflanzen oder Pflanzenteile und deren Zubereitung. Sie kann auch präventiv eingesetzt werden und wirkt sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelisch-emotionalen Ebene.

Die Geschichte der Kräuterheilkunde

Die Natur war lange Zeit das einzige, was dem Menschen zur Verfügung stand, um Krankheiten und Verletzungen zu behandeln. Unsere urzeitlichen Vorfahren hatten vermutlich noch sichere instinktive Fähigkeiten, um die jeweils passenden Pflanzen zu erkennen. So wie auch Tiere dies tun: die Schafgarbe beispielsweise hat ihren Namen daher, dass Schafe sich darin wälzen und sie fressen. Dabei leitet sie ihr Instinkt, denn Schafgarbe wirkt wundheilend und verdauungsstärkend. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele aus der Tierwelt, die verhaltenswissenschaftlich belegt sind.
Im Laufe der Menschheitsgeschichte finden wir im alten Ägypten erstmals Dokumente, die auf eine Existenz von Kräutermedizin hinweisen. Auch die indische Heilkunde, das Ayurveda sowie die chinesische und tibetische Medizin, die ebenfalls Tausende Jahre vor Christus entstanden, nutzten bereits die Heilkraft von Pflanzen. Hier im Westen wurde die Pflanzenheilkunde durch die Griechen, u.a. durch den berühmten Hippokrates (460-370 v.Chr.) sowie die Römer erforscht. Von Dioskurides (40-90 v-Chr.) entstammt die 5-bändige „Materia medica“, in der 800 Pflanzen und ihre Verwendung beschrieben stehen. Im Mittelalter verfassten Hildegard von Bingen sowie Paracelsus zahlreiche Schriften zur Kräuterheilkunde. Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Wirkstoffe der Pflanzen durch die aufstrebenden Naturwissenschaften systematischer erforscht. Der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1762-1841) beispielsweise entdeckte den Wirkstoff Morphin aus dem Schlafmohn.

Phytotherapie und Pharmazie heute

Seit dem 20. Jahrhundert dominiert in unserer heutigen Gesellschaft die moderne Pharmazie. Die Bedeutung der Pflanzenheilkunde nahm ab, seitdem die einzelnen Wirkstoffe vieler Heilpflanzen, wie z.B. das Morphin, auch chemisch hergestellt werden können. Durch chemische Veränderungen von ursprünglich aus Pflanzen stammenden Substanzen konnten zudem wirksamere Arzneimittel entwickelt werden. Allerdings treten dadurch häufig auch zusätzliche Wirkungen bzw. Nebenwirkungen auf. Da die chemisch hergestellten modernen Arzneimittel in der Regel stärker und schneller wirken, sind sie bei schweren oder akuten Erkrankungen, und wenn die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht ausreichen, häufig die erste Wahl. Mit dem wachsenden Interesse an der Naturheilkunde gewinnt aber auch die Pflanzenheilkunde wieder an Bedeutung. Die sogenannten Phytopharmaka, also pflanzliche Arzneimittel, werden aus frischen oder getrockneten Pflanzen gewonnen. Verwendet werden Blätter, Blüten, Früchte/Samen, Wurzeln oder die ganze Pflanze. Die unterschiedlichen Teile der Pflanzen können durchaus verschiedene Wirkungen haben. Aus solchen pflanzlichen Wirkstoffen werden Tees, Salben, Öle, Extrakte, Tabletten, Kaltauszüge, Wundauflagen oder Tinkturen herstellt. Pflanzliche Arzneimittel wirken in der Regel langsamer und haben weniger Nebenwirkungen. Sie können daher begleitend bei chronischen Erkrankungen angewendet werden, aber auch bei leichteren Beschwerden und präventiv zur Förderung der Gesundheit.

Die „Seele der Pflanze“

Grundlage der Kräutertherapie ist die jeweilige Signatur, der „Steckbrief“ der einzelnen Pflanze. Wer sich mit dem traditionsreichen alten Wissen der Kräuterheilkunde beschäftigt, wird erstaunt sein, wie sich die Vollkommenheit der Natur in der Beschreibung der einzelnen Pflanzen widerspiegelt. Wo wächst die Pflanze? Braucht sie Sonne oder Schatten, einen trockenen oder sumpfigen Boden? Wie ist ihr Charakter? Ist sie robust und trotzt widrigen Umweltbedingungen oder ist sie empfindlich? In der ganzheitlichen Kräutertherapie wird auch die Wirkung der Pflanze auf den emotionalen und seelischen Zustand des Patienten berücksichtigt. Dafür ist es erforderlich, die „Seele der Pflanze“ zu verstehen. Das Stiefmütterchen (Viola Tricolor) beispielsweise hat hübsche Blüten an zarten Stängeln, die empfindlich sind und schnell brechen. Als Heilkraut wirkt Viola Tricolor bei juckenden, brennenden Hauterkrankungen. Die Haut ist unsere Schutzschicht nach außen und empfindsame Menschen können bei starken Einflüssen von außen hier schnell reagieren. Besonders geeignet ist Viola Tricolor bei empfindlichen Menschen und besonders Kindern, bei denen Ekzeme nach emotionalen Erschütterungen oder Problemen auftreten oder schlimmer werden.

Anwendungsmöglichkeiten von Heilkräutern

Heilkräuter kommen in verschiedensten Formen zur Anwendung. Zum äußerlichen Auftragen auf die Haut entfaltet sich ihre Wirkung in Salben, Gelen, Cremes und Ölen. Je nach Zusammensetzung und Konzentration der pflanzlichen Bestandteile gibt es Produkte zur täglichen Hautpflege oder zur Therapie bei Hauterkrankungen. Aber auch in Zahncremes, Mundspülungen, Haarpflegeprodukten und Badezusätzen kann die Heilwirkung von Kräutern genutzt werden. In Form von Badezusätzen oder Massageölen kann die Durchblutung von Haut und Muskeln gefördert werden, was beispielsweise bei Sportverletzungen oder auch Verspannungen hilfreich ist.
Eine besondere Bedeutung haben die so genannten ätherischen Öle. Diese pflanzlichen Inhaltsstoffe sind für den Duft einer Pflanze verantwortlich. Pflanzen mit ätherischen Ölen wie z.B. Salbei oder Thymian haben meistens eine hemmende Wirkung gegen Keime und werden daher gern bei Infekten eingesetzt. Ätherische Öle können aufgrund ihrer chemischen Beschaffenheit leicht über die Haut oder Schleimhaut von Nase oder Mund in den Körper gelangen und dort ihre Wirkung auf einzelne Organe entfalten. In der Aromatherapie nutzt man die Erkenntnis, dass die ätherischen Öle über ihre Wirkung auf das Gehirn auch Emotionen und Stimmungen beeinflussen. Während Lavendel z.B. beruhigend und schlaffördernd wirkt, ist Rosmarin für seine anregende Wirkung bekannt, die auch die Konzentration fördert. Reine ätherische Öle sind sehr teuer, da ihre Gewinnung sehr aufwendig ist. (Z.B. werden für 1 Liter Rosenöl 5000 kg Rosenblüten benötigt). Man erkennt sie an der Bezeichnung „100% naturreines ätherisches Öl“. Die Aromatherapie zur Behandlung von Beschwerden und Erkrankungen darf in Deutschland nur von Ärzten oder Heilpraktikern mit entsprechender Ausbildung durchgeführt werden.
Zur inneren Anwendung kann man Kräuter als Frischpresssäfte, Tinkturen oder Teezubereitungen zu sich nehmen.

Genussmittel oder Medizinaltee?

Viele Heilkräuter – unter ihnen Salbei, Kamille oder Fenchel – sind heute in Form von Tee als Alltagsgetränk im Supermarkt erhältlich. Als Einzelkraut oder als Teemischung verwenden viele Menschen den „Kräutertee“ als Genussmittel oder „gesundes“ Getränk. Dabei darf man nicht vergessen, dass jedes Kraut eine bestimmte Wirkung hat und diese im Zweifel nicht immer gewünscht ist. Allerdings kommt es auf die Dosierung an. Tees aus Supermarkt oder Drogerie enthalten meistens nur geringe Wirkstoffkonzentrationen und beim Genuss von 2-3 Tassen verschiedener Kräutertees pro Tag besteht bei Gesunden in der Regel nicht die Gefahr einer „ungewollten Kräutertherapie“.
Für die therapeutische Anwendung als Arzneitee muss die Konzentration der Inhaltsstoffe eine bestimmte Dosis aufweisen. Einzelkräuter oder Kräutermischungen zu Therapiezwecken sollten daher ausschließlich in Apothekenqualität bezogen werden.

Die Kunst der richtigen Mischungkraeuter

Die Kunst der Kräutertherapie besteht darin, die einzelnen Heilpflanzen bzw. ihre Bestandteile so zusammenzustellen, dass sie sich in ihrer Wirkung verstärken und ergänzen. Außerdem ist es wichtig, auf die Verträglichkeit der Mischung zu achten und etwaige Nebenwirkungen durch passende zusätzliche Kräuter abzumildern. So hat eine gut komponierte Kräuterrezeptur eine wesentlich stärkere Heilwirkung als ein Einzelkraut.
Traditionell gibt es viele bewährte Rezepturen für bestimmte Krankheitsbilder. In der Apotheke erhält man fertige Arzneitees für häufige Beschwerden wie Blasenentzündungen, Erkältungskrankheiten Verdauungsbeschwerden. Naturheilkundlich orientierte Apotheker stellen ggf. auch eigene Rezepturen für bestimmte Therapiezwecke her.
Je individueller eine Kräuterrezeptur auf den Patienten abgestimmt ist, desto gezielter kann sie ihre Wirkung entfalten. Die Tibeter, die Inder mit Ayurveda und die Chinesen haben es darin zu großer Meisterschaft gebracht. Hier hat die Kräutertherapie mit ausgefeilten Rezepturen bis heute einen hohen Stellenwert. Allerdings werden hier nicht nur Kräuter, sondern zum Teil auch mineralische Bestandteile oder tierische Stoffe in den Rezepturen verwendet.
Eine Kräutertherapie nach den Prinzipien des Ayurveda oder der TCM sollte nicht ohne einen entsprechend qualifizierten Arzt oder Heilpraktiker durchgeführt werden. Die Kräuter sollten unbedingt in einer auf diese Therapieformen spezialisierten Apotheke bezogen werden. Nur so ist gewährleistet, dass man die entsprechende Qualität ohne Schadstoffbelastung erhält.

Kräutertherapie mit westlichen Kräutern nach TCM-Prinzipien

Seit einigen Jahrzehnten gibt es das Bestreben, das alte Wissen der chinesischen Medizin mit der langen Tradition der Pflanzenheilkunde in Europa zu vereinen. Dabei werden die feinen und ganzheitlichen Diagnosemöglichkeiten und Therapieansätze der chinesischen Medizin genutzt, um aus einheimischen Kräutern des westlichen Kulturkreises entsprechende Kräuterrezepturen individuell für den einzelnen Patienten zusammenzustellen. Dafür wurden die einzelnen Heilpflanzen entsprechend der Prinzipien der chinesischen Medizin in ihrer Wirkung beschrieben und um die Erfahrungswerte der westlichen Kräutermedizin erweitert. Auch wenn sich einige konservative Stimmen innerhalb der TCM allein für die Anwendung der alten chinesischen Kräuterrezepturen aussprechen, hat dieser Ansatz doch für die Patienten viele Vorteile. So sind die westlichen Kräuter in der Regel zum einen wesentlich preisgünstiger und leichter zu beziehen. Außerdem entspricht dieses Vorgehen dem Grundsatz der Natur, dass die Nahrungsmittel- oder Heilpflanzen, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort wachsen, genau die Eigenschaften haben, die die Menschen, die an diesem Ort leben, brauchen.

Risiken und Nebenwirkungen

Ohne fundierte Kenntnisse der pharmazeutischen Wirkungen kann man Kräuterheilkunde nicht praktizieren. Pflanzen können auch toxisch wirkende Inhaltsstoffe haben oder allergische Reaktionen auslösen. Außerdem müssen etwaige Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln beachtet werden. Und auch während der Schwangerschaft sollten Kräuterarzneimittel nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt, Heilpraktiker oder Apotheker angewendet werden. Um die richtige Dosierung, Zubereitung und die erforderliche Dauer der Kräutertherapie festzulegen, sind umfassende Kenntnisse der Materie erforderlich. Wer Heilkräuter selbst sammeln möchte, sollte Vorsicht walten lassen und sich das nötige Wissen aneignen. Heilkräuter können mit Umweltgiften belastet sein oder von Schädlingen oder Pilzen befallen sein. Da es hunderte Heilpflanzen gibt, besteht auch die Gefahr von Verwechslungen. Auf Nummer Sicher geht man mit Pflanzenpräparaten aus der Apotheke.
Autorin:
Sabine Kakizaki, Heilpraktikerin und Mitglied im Globuliwelt Expertenkreis
Web: http://www.praxis-kakizaki.de
Facebook: https://www.facebook.com/HP.Sabine.Kakizaki

Gastbeitrag zum Thema Kräuterheilkunde: 

Im Rahmen der heilkundlichen Behandlung nimmt die Kräuterheilkunde eine prominente Stellung ein. Man spricht von der Kräuter- und Pflanzenheilkunde oder der Phytotherapie. Gemeint ist die medizinische Behandlung auf Basis von Wildkräutern, Wurzelbestandteilen und frischen oder getrockneten Heilpflanzen.

Ein Griff in die Geschichte

Wann in der Menschheitsgeschichte das erste Mal Kräuter und Heilpflanzen bewusst zur Anwendung bei einer bestimmten Erkrankung kamen, können wir nicht mehr nachvollziehen. Anzunehmen ist aber, dass es sehr früh geschah. Die Natur war lange Zeit das einzige, was dem Menschen zur Verfügung stand, um Wundauflagen, Heiltees oder medizinisch wirksame Wurzelextrakte herzustellen. Bis heute ist sie in vielen isoliert lebenden Ethnien die wichtigste Ressource, auf die man zurückgreift. In zivilisierten Gesellschaften dominiert die Pharma-Industrie – aber auch sie bezieht große Teile ihres Grundwissens aus der Kräuterheilkunde. Im Laufe der Menschheitsgeschichte finden wir im alten Ägypten erstmals Dokumente, die auf eine Existenz von Kräutermedizin hinweisen. Der ägyptische Priester und Heiler Imhotep kannte entsprechende Rezepturen. Wer sich näher mit der Geschichte der Kräuterheilkunde befasst, stößt unweigerlich auf Paracelsus oder Hildegard von Bingen. Die „Kräuterhexen“ des Mittelalters hatten keinen so guten Ruf wie die Frauen, die sich heute intensiv mit Kräuterheilkunde befassen. Man fürchtete sie wegen ihres speziellen Wissens, musste sie aber mangels besserer Alternativen gelegentlich konsultieren. Im Tibet vor 1950 war es üblich, dass Mönche vom Medizincollege am Chagpori Wanderungen in abgelegene Himalaya-Regionen unternahmen, um Kräuter zu sammeln. Viele wuchsen nur dort und ergaben als Extrakt, Teeaufguss oder Bestandteil einer Salbe Heilwirkungen. Derer bedient sich die tibetische Medizin bis heute.

Die bedeutsame Rolle der Kräuterheilkunde

Dass die Kräuterheilkunde das Entstehen der Chemie und Pharmazie-Industrie überlebt hat, liegt nur zum Teil im fortbestehenden Interesse der Menschen an natürlichen Heilmitteln begründet. Zum Teil bezogen sich Chemie und Pharmazie auf Inhaltsstoffe, die der Kräuterheilkunde entstammen. Man hat die als heilwirksam erkannten Bestandteile intensiv erforscht, mit wissenschaftlichen Methoden isoliert und anschließend synthetisch hergestellt. Insofern konnte man kaum den Ursprung aller Medikamente verteufeln. So konnte die Kräuterheilkunde nicht nur überleben, sondern zu neuer Blüte gelangen. Interessant ist, dass auch die Homöopathie aus der Kräuterheilkunde hervorgegangen ist. Während man in der Phytotherapie ausschließlich Frischpflanzenauszüge aus Blättern, Blüten oder Wurzeln nutzt und daraus Tees, Salben, Öle, Extrakte, Tabletten, Tropfen, Kaltauszüge, Wundauflagen oder Tinkturen herstellt, bedient sich die Hömöopathie auch anderer heilwirksamer Grundlagen – beispielsweise der Mineralien. Außerdem entwickelte Samuel Hahnemann ein Konzept, bei dem nur winzigste Mengen des jeweiligen Grundstoffs in die Globuli gelangten. In der Phytotherapie kommen die medizinisch wirksamen Grundstoffe wesentlich konzentrierter zur Anwendung. Schon Paracelsus merkte an, dass die Dosis das Gift ausmache.

Genussmittel oder Medizinaltee?

Viele Heilpflanzen – unter ihnen Salbei, Kamille oder Fenchel – sind heute auch als Genussmittel bzw. Teeaufguss im Umlauf. Um als Medizinaltee angesehen zu werden, muss die Konzentration der Inhaltsstoffe eine bestimmte Dosis ausmachen. Auch Samuel Hahnemann wusste, dass viele Heilkräuter und Medizinalpflanzen in Überdosis giftig sein können. Daraus zog er unter anderem den Schluss, dass bereits geringe Mengen solcher Stoffe für Heilzwecke ausreichen könnten. Die Homöopathie beruht auf der Annnahme, dass Heilimpulse von hochreinen und in kleiner Dosis verabreichten Stoffen ausgehen. Dabei gilt das Prinzip, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Das bedeutet, dass man ein Mittel verabreicht, das ähnliche Symptome auslöst. Der Ansatz der Phytotherapie war ein anderer. Hier unterscheidet man beispielsweise Kräuter und Heilpflanzen mit starker Wirkung von solchen, die eher schwach wirksam sind. Man stellt aus den Frischpflanzen oder ihren zerkleinerten Trocken-Bestandteilen – nicht aber aus chemisch extrahierten Einzelstoffen! – verschiedene Heilmittel her, die je nach Bedarf eingesetzt werden. Auch als Genussmittel ist ein Kräutertee aus bestimmten Kräutern noch in geringem Umfang medizinisch wirksam. Einen Medizinaltee als Genussmittel zu trinken, empfiehlt sich jedoch nicht. Interessant ist, dass man verschiedene Kräuter, Wurzelbestandteile und Heilpflanzen mischen kann, um ihre Heilwirkung zu erhöhen. Die Tibeter und Chinesen haben es darin zu großer Meisterschaft gebracht. Sie addieren aber mineralische Bestandteile oder tierische Stoffe mit dazu. So kann man verschiedene Beschwerdebilder mit dem Einsatz von Heilpflanzen lindern. Die Phytotherapie ist auf allen Kontinenten zu finden und wohl keiner Kultur unbekannt gewesen.

Nicht nur die Dosis macht das Gift

Ohne tiefere Kenntnisse kann man Kräuterheilkunde nicht praktizieren. Wissen über toxikologische Wirkungen ist ebenso notwendig wie vertiefte Kenntnisse pharmazeutischer Wirkungen, geeigneter Dosen und Darreichungsformen. Die Nähe zur pharmazeutischen Biologie ist ebenso offensichtlich wie die zur Ernährungsheilkunde. Auch aus Pflanzen und Kräutern hergestellte Phytopharmaka sind darauf angewiesen, standardisierte und immer gleich bleibende Mengen an heilwirksamen Inhaltsstoffen zu enthalten. Auch bei rein pflanzlichen Arzneimitteln sind die Bestimmungen des Arzneimittelrechts gültig. Man nutzt heute wieder altes Erfahrungswissen, beispielsweise der Hildegard von Bingen. Im Gegensatz zum standardisierten synthetischen Medikament unterliegen Kräuter und Pflanzenteile unterschiedlichen Witterungsbedingungen, werden vom Standort oder dem Erntezeitpunkt beeinflusst. Die massive Industrialisierung dafür gesorgt, dass man heute kaum noch unbelastete Kräuter und Heilpflanzen findet. Durch Trocknung und lange Lagerung können Heilwirkungen von Kräuterheilmitteln abgeschwächt werden. Bestimmte Toxine oder Pestizide können sich durch Wasseraufnahme und Bodenkontakt anreichern. Die Gentechnologie beeinflusst zukünftig alles. Insofern ist noch nicht zu sagen, inwieweit die klassische Kräuterheilkunde überleben kann.

Kräuterheilkunde in der Moderne

Medikamente wie Aspirin wären ohne Erkenntnisse aus der Kräuterheilkunde nicht denkbar gewesen. Einem großen Teil der Weltbevölkerung stehen solche Medikamente bis heute nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Viele Menschen sind weiterhin auf das angewiesen, was die Natur ihnen schenkt. In industrialisierten Gesellschaften setzt sich das Wissen durch, dass die synthetisch hergestellten Wirkstoffe viele Nebenwirkungen haben. Zudem scheinen sie im Verbund mit Begleitstoffen, die in Heilpflanzen vorliegen, manchmal besser zu wirken. Wohl auch darum nehmen immer mehr Schulmediziner Homöopathie und Kräuterheilkunde heute wichtiger als einst, als man vom Siegeszug der Pharma-Industrie überzeugt war. In der rationalen Phytotherapie setzt man bereits dieselben wissenschaftlichen Standards an wie in der Schulmedizin. Die Traditionelle Chinesischen Medizin, der Ayurveda und die tibetische Medizin erfreuen sich in Europa und Amerika immer größerer Beliebtheit, weil sie komplexes Wissen über die Heilwirkung von Baumrinden, Kräutern oder Wurzelbestandteilen vereinen.